I. Allgemeines - Nordwestgabun

 

Cyprinodontiden-Studien in Gabun

 

I. Allgemeines - Nordwestgabun

 

Univ.-Doz. Dr. A. C. Radda, Institut für Virologie, Universität Wien, Kinderspitalgasse 15, A - 1095 Wien

Ing. J.H. Huber, Musée de Zoologie, 34, rue Ste-Catherine, F - 54000 Nancy

 

Einleitung

Seit der Erstbeschreibung des Epiplatys sexfasciatus GILL (1862), Haplochilus ansorgei BLGR. (1911) und Haplochilus striatus BLGR. (1911) aus Nordgabun wurden an Cyprinodonten bis zur Sammeltätigkeit von LAMBERT u. GÉRY nach dem Zweiten Weltkrieg lediglich Haplochilus calliurus australis RACHOW (1921), der bekannte Kap Lopez-Prachtkärpfling, Haplocheilichthys ngaensis AHL (1924) aus dem äußersten Nordwesten, sowie Haplochilus lujae ogoensis PELLEGRIN (1930) vom Oberlauf des Ogowe aus dem äquatorialafrikanischen Staat beschrieben. LAMBERT und GÉRY fanden und beschrieben nicht nur eine Reihe von Arten der in Gabun endemischen Gattung Plataplochilus, sondern entdeckten auch zwei neue Arten der Gattung Aphyosemion, nämlich A. georgiae und A. cyanostictum und wiesen weitere Aphyosemion - und Epiplatys - Arten im Ivindo-Becken nach (LAMBERT und GÉRY, 1967).

In neuerer Zeit erregte nach umfangreichen Studien im benachbarten Kamerun Gabun in zunehmendem Masse das Interesse insbesondere von Killifisch-Liebhabern. Bereits die erste von W. HERZOG und F. BOCHTLER im Jahre 1972 durchgeführte Sammelreise nach Nordgabun führte zur Entdeckung zweier weiterer Arten von Aphyosemion (A. herzogi und A. bochtleri), und es gelang auch erstmals, weitere bisher in Europa kaum bekannte Arten von Rivulinen und Procatopodinen lebend mitzubringen. Es folgten weitere Sammelreisen von HERZOG im Jänner 1973 ins Gebiet von Lambaréné - Mouila, in die Umgebung von Libreville und zu den Kristallbergen, sowie von BOCHTLER, K-H. HAAS, W. GASPERS und B. UMFAHRER wieder in das Gebiet von Mitzik bis östlich von Makokou in Nordgabun. Dabei gelang es abermals, einige weitere Formen der Gattung Aphyosemion zu entdecken (A. gabunense, A. kunzi, A. fulgens), beziehungsweise unsere Kenntnisse über die Verbreitung bereits bekannter Arten durch neue Fundorte zu erweitern (siehe RADDA, 1975).

Durch Gewahrung eines Forschungsstipendiums war es möglich, zwei Studien- und Sammelreisen nach Gabun durchzuführen (Die Sammelreisen wurden durch finanzielle Unterstützung durch den österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Projekt Nr.2457, ermöglicht). Die erste führte den federführenden Autor im November/Dezember 1975 gemeinsam mit Herrn E. PÜRZL, Wien, in die Gebiete von Bitam, Oyem, Mitzik, Zomoko, Koumameyong und Ovan in Nordgabun, die zweite führte uns im Juli/August 1976 von Libreville aus - wo auch in Richtung Kap Estérias gesammelt wurde - über mehr als 2300 km von Ndjolé - Oyem - Lastoursville - Franceville - Léconi - Moanda - Koulamoutou - Mimongo - Lébamba -Ndendé - Tchibanga - Mouila - Fougamou - Lambaréné - Kango wieder zurück nach Libreville.

Weitere Informationen und Material einer Sammelreise, welche F. BOCHTLER und W. GASPERS im Jänner 1976 in die Gegend von Ndjolé bis Fougamou und von Booué nach Makokou durchführten, erhielten wir freundlicherweise von den Herren BOCHTLER, Rudersberg, und O. BÖHM, Wien.

Über die Ergebnisse dieser drei Studien- und Sammelreisen soll in fünf Folgen in dieser Zeitschrift berichtet werden.

Territorium, Bevölkerung, Topographie, Geologie, Klima und Vegetation von Gabun

Die Republik Gabun erstreckt sich beiderseits des Äquators vom 2. Grad nördlicher bis zum 3. Grad südlicher Breite sowie vom 9. bis zum 14. Grad östlicher Lange (Abb.1: Die Anlage von Gabun in Afrika). Auf einer Flache von etwa 268000 km2 - die Bundesrepublik Deutschland ist um ein geringes Stück kleiner - lebt lediglich eine halbe Million Menschen. Gabun zahlt mit einer Bevölkerungsdichte von 1,67 Menschen pro km2 zu den am wenigsten dicht besiedelten Staaten der Welt. Ursprünglich bedingt durch die allgemeine Lebensfeindlichkeit des 85% des Landes bedeckenden Regenwaldes wurde die Bevölkerungsentwicklung in den vergangenen Jahrhunderten durch Sklavenhandel, Stammesfehden, Vielweiberei und Brautgeld stark beeinträchtigt und in diesem Jahrhundert durch Anwerbung von Waldarbeitern in den Holz verarbeitenden Betrieben sowie durch eine allgemeine Flucht in die Städte weiter hirtangehalten. Dies alles macht sich heute dadurch bemerkbar, dass man in bestimmten Gegenden Gabuns oft viele Dutzende von Kilometern fahren kann, ohne eine Siedlung zu finden oder ohne überhaupt einem Menschen zu begegnen. In den Karten sind Dörfer verzeichnet, welche es nicht mehr gibt, oder die umgesiedelt worden sind.

Die Südguineaschwelle umrahmt in Gabun die Westseite des Kongobeckens und schließt dieses mit seinen Hochebenen und Bergketten gegen den Ozean ab. Die Kristallberge im Norden des Ogowe sowie das Du Chaillu-Massiv im Zentrum und die Mayumbe-Ketten im Südwesten Gabuns haben Mittelgebirgs- Charakter mit Höhen von 600 bis 900 m bzw. mit fast 1600 m (Mont Ibundji). Ihre Streichrichtung verlauft von NW nach SO, und sie sind meist recht schroff gegliedert. Das Batéké-Plateau und die Hochebene von Woleu-Ntem sind mit Höhen von 300 bis 700 m sanfter gewellt, und die Taler sind weniger tief ein- geschnitten. Die Küste nördlich von Kap Lopez weist sehr breite Aestuarien (Muni-, Mondah-, Gabun-, Ogowe-Bucht) auf. Südlich davon findet sich, durch die Flussablagerungen und den Benguella-Strom gebildet, eine Haffküste mit Lagunen und Dünen.

Das Küstenvorland ist eben bis schwach gewellt, erreicht eine Breite von 30 bis 200 km und Höhen bis etwa 300 m. Die Talsenken des Ngunie und Nyanga stellen Fortsetzungen der Küstenebene nach Südosten dar.

Der Hauptstrom Gabuns ist der Ogowe (Ogooué), dessen Lange 1200 km betragt. Er entwassert mit seinen zahlreichen Nebenflüssen (die größeren rechtsseitigen sind: M'passa, Sebe, Ivindo, Okano, Abanga; linksseitig: Leyou, Lolo, Offoué, Ngunie) den größten Teil des Landes, sein Einzugsgebiet umfasst 216000 km2. Er entspringt 30 km östlich von Zanaga in der benachbarten Volksrepublik Kongo (Brazzaville), verlauft dann zunächst in nördlicher, dann in westlicher Richtung und entleert seine Wassermassen (bis zu 10000 m3 pro Sekunde) schließlich nach südwestlich gerichtetem Lauf bei Kap Lopez in den Atlantik. Nördlich des Ogowe entwassern in das Gabun-Aestuar vor allem Komo, Mbei, Rembue und Bokwe, in das Mondah-Aestuar sechs kleine Zuflüsse und in die Muni-Bucht der Noja und Temboni. Der Südwesten Gabuns wird vom 430 km langen Nyanga entwassert, drei weitere Flusssysteme sind von geringerer Bedeutung. Woleu/Rio Benito und Ntem/Campo entspringen in der nördlichsten Provinz Gabuns, welcher sie ihre Namen gegeben haben.

Fünf Hauptformationen bilden den geologischen Aufbau Gabuns. Der Festlandsockel aus kristallinen Gesteinen (Gneis, Granit, Glimmer, Quarzit) des unteren Praekambriums nimmt den größten Raum ein. Er bildet im Norden die Hochebene von Woleu-Ntem, die Kristallberge im Nordwesten, das Du Chaillu-Massiv in Zentral-Gabun sowie die Mayumbe-Berge im Südwesten des Landes. Eingebettet in diese Zonen sind die Eisenerzlager von Mekambo sowie Gold- und Diamant-Lager. Die Franceville- Schichten bestehen aus Sandsteinen, Schiefer und Quarziten des mittleren Praekambriums und bedecken den größten Teil des mittleren und oberen Ogowe-Beckens. Ähnliche Formationen bilden den Untergrund des Streifens zwischen den Mayumbe-Bergen. Reiche Lagerstätten an Manganerz finden sich bei Moanda, solche mit Uranerz bei Munana. Aus dem oberen Praekambrium stammen die Schiefer-Kalk- und Schiefer- Sandstein-Systeme der Nyanga-Ngunie-Faltenmulde sowie ein schmaler Streifen westlich der Kristallberge. Das Küstenvorland bedecken marine und kontinentale Sedimentformationen aus Jura, Kreide, Tertiär und Quartär, bestehend aus Sandstein und Kalken mit Erdöl- und Erdgaslagern bei Kap Lopez sowie mit Kali-, Asphalt- und Bleivorkommen. Schließlich wird das aus Sandsteinen bestehende, savannenbedeckte Batéké-Hochland im äußersten Südosten aus Sedimentgesteinen kontinentalen Ursprungs gebildet.

Die Böden entstanden aus den Verwitterungsprodukten der jeweiligen Muttergesteine und bestehen aus Latteriten und aus, durch nicht ausgelaugte Eisen-Rückstande meist rot gefärbter Tonerde (Rot- und Braunlehme) und sind in der Regel sauer und nährstoffarm.

Gabun genießt tropisches Regenwaldklima mit nur geringen Schwankungen der Temperatur und der Feuchte, und zwar sowohl im Tages- als auch im Jahresablauf. In Libreville betragt das Jahresmittel der Temperatur 26,6 °C, das jährliche Durchschnittsminimum 23,4 °C, das entsprechende Maximum 29,6 °C; die Gesamt-Niederschlagsmenge 2578 mm und die durchschnittliche relative Luftfeuchtigkeit 82,7%. Die hohen Niederschlagsmengen fallen - dem Lauf der Sonne folgend - einerseits von Mitte September bis anfangs Dezember (kleine Regenzeit) und von Mitte Januar bis Mitte Mai (große Regenzeit). In den Monaten Juni, Juli und August gibt es die geringsten Niederschlage - aber auch bei starker Bedeckung die geringste Sonneneinstrahlung - wahrend die sogenannte kleine Trockenzeit von Mitte Dezember bis Mitte Januar auch ganz ausfallen kann. In der ozeanischen Klimazone des Küstenvorlandes ist es bei etwas stärkerer Luftbewegung (Monsunwinde) ganz allgemein etwas warmer, und es gibt, vom NW nach SO allerdings stark abnehmend, mehr Regen als im äquatorial-kontinentalen Bereich des Landesinnern mit den höheren Seehöhen.

Klima, Höhenlage und Bodenbeschaffenheit bestimmen die Zusammensetzung der Pflanzengesellschaften. Die hohen Niederschlage von etwa 1700 mm bis mehr als 2600 mm pro Jahr und die gleichmäßig hohen Temperaturen bedingen die Bedeckung von 75% des Landes mit Regenwald; 10% bilden Übergangs-Gesellschaften zur Guinea- oder Feuchtsavanne, welche die restlichen 15% des Landes einnimmt. In letzteren Gebieten bleiben die Niederschlage unter 1600 mm. Allerdings hat auch der Mensch in bestimmten Gebieten die Ausbreitung von Savannen gefördert.

Abb.3 rechts Ausschnitt einer Gabunkarte (siehe Abb.2) mit den Fundorten der in dieser Folge behandelten Rivulinen.

lm unmittelbaren Küstenbereich wachst die artenarme Mangrove, welche im Binnenland durch Sumpfwälder ersetzt wird. Der sehr artenreiche tropische Regenwald - man findet in Gabun über 700 Arten von Holzgewachsen, die 58 verschiedenen Familien angehören - ist in vielen erschlossenen Teilen des Landes heute bereits durch die Okumé-Gewinnung sowie durch das Ausschlägen anderer Edelholzarten von einem wesentlich artenärmeren Sekundarwald ersetzt worden. Savanne findet sich - durch mehr oder minder hohe Gräser und Galeriewälder entlang den Flusslaufen gekennzeichnet - im Südosten auf dem Batéké-Plateau sowie in zwei parallel verlaufenden Streifen des Ngunie- und Nyanga-Beckens im Südwesten von Gabun. Auch in einer westlich und südlich von Booué liegenden Zone sowie im Küstenbereich zwischen dem Gabun-Aestuar und Port Gentil hat sich Baumsavanne entwickelt (Abb.2 links: Übersichtskarte von Gabun mit markiertem Ausschnitt von Nordwestgabun).

 

Die Cyprinodontidenfauna von Nordwestgabun

Die nordwestliche Region von Gabun umfasst die Provinzen Estuaire (Gabunästuar) und Moyen Ogooué (Mittelogowe). Nach Nordosten wird das Küstenflachland von den Höhenzügen der Kristallberge begrenzt und setzt sich nach Südosten bis zur Senke des Niari-Beckens im Kongo (Brazzaville) fort. Die Zahnkärpflingsfauna besteht aus mehreren Komponenten. In systematischer Hinsicht unterscheiden wir einerseits zwischen Leuchtaugenfischen (Procatopodinae) und Hechtlingen sowie Prachtkärpflingen (Rivulinae) andererseits. Von den ersteren wurden aus der Umgebung von N'koltang an der Nationalstrasse Nr.1 von Libreville nach Kango Plataplochilus mimus LAMBERT (1967) und Plataplochilus pulcher LAMBERT (1967) beschrieben. Aus technischen Gründen konnte in dieser Gegend bei unserer Sammelreise nicht gesammelt werden.

Von der letzteren Gruppe seien zunächst die Hechtlinge der Gattung Aplocheilus behandelt. Aplocheilus (Epiplatys) sexfasciatus sexfasciatus GILL (1862) konnte in ruhigen Ausständen eines Baches nahe Kap Estérias bei Sammelort Nr. 1 gesammelt werden. Er lebt dort sympatrisch mit einer unten zu behandelnden Aphyosemion - Art. Der Sechsband-Hechtling, dessen Terra typica in Nordwest-Gabun liegt, wurde weiters bei Sammelort Nr.6 in einem schnellfließenden Bach nahe Anibié (Niabé), 18 km nordöstlich von Ndjolé nachgewiesen, und zwar gemeinsam mit Plataplochilus cf. chalcopyrus, Nannaethiops unitaeniatus, Micralestes spec., Barbus holotaenia, Kaulquappen und Garnelen, sowie bei Sammelort Nr. 34, in einer großen Restwasserpfütze eines austrocknenden Baches an der Strasse Lambaréné-Bifoun, 9 km südwestlich von Bifoun, dort gemeinsam mit einer Form von Aphyosemion gabunense, Plataplochilus cf. chalcopyrus, Neolebias ansorgei sowie einer Art der Gattung Chromidotilapia und Hemichromis fasciatus. Zusammen mit älteren Nachweisen kann für diese in Westafrika von Togo über Nigeria, Kamerun, Aequatorial-Guinea und Gabun weit verbreitete Art nun somit eine südliche Verbreitungsgrenze angegeben werden, welche mit größter Wahrscheinlichkeit der Ogowe darstellt. Südlich des Ogowe scheint der Sechsbandhechtling durch den sehr nahe verwandten und in seinen Umwelt-Ansprüchen sehr ähnlichen Aplocheilus (Epiplatys) multifasciatus (BLGR, 1913) ersetzt zu sein, auf welchen in der letzten Folge dieser Publikationsreihe noch näher eingegangen wird.

Aus der A. (E.) grahami - macrostigma - Gruppe vertritt Aplocheilus (Epiplatys) ansorgei (BLGR., 1911) in Nordwestgabun den weiter nördlich in den Küstenwäldern von Kamerun und Nigeria verbreiteten Graham's-Hechtling. Wie dieser bevorzugt Ansorge's-Hechtling eher ruhige Ausstände seiner Heimatgewässer mit sumpfigem Untergrund. Wir fanden diese Art sympatrisch mit Aphyosemion striatum bei Sammelort Nr. 3 in Restwasserpfützen eines Baches an der Strasse von Libreville nach Kap Estérias (Abb.4: Aplocheilus (Epiplatys) ansorgei, Männchen, Wildfang von Sammelort Nr.3 (oben); Weibchen (Mitte) und Männchen (unten), Wildfänge von Sammelort Nr.5. Fotos: E. PÜRZL), weiters als einzige Cyprinodontiden-Art in einem Raphiasumpf des Dorfes Ekoredo, 17 km östlich von Bifoun an der Strasse nach Ndjolé (Sammelort Nr.5) (Abb.4). HERZOG und BOCHTLER konnten 1972 diesen Hechtling in einem Sumpfloch in der Nähe des Leon Mba-Flughafens von Libreville sammeln. Das Verbreitungsareal des Ansorge-Hechtlings reicht über den Ogowe weit nach Süden, und er findet sich dort in denselben Biotopen wie im Norden auch teilweise syntop mit A. ( E.) multifasciatus, worauf ebenfalls noch in einer späteren Folge eingegangen wird.

Dasselbe Verbreitungsschema wie die beiden genannten Hechtlingsarten weisen auch zwei, in den warmen Regenwäldern der Küstenebene häufig vorkommende Vertreter der Gattung Aphyosemion auf. Es sind dies einerseits aus der Untergattung Chromaphyosemion RADDA (1971) A. splendopleure (MEINKEN, 1930) von der über Togo, Nigeria, Aequatorial-Guinea und Kamerun bis Gabun verbreiteten Superspezies A. bivittatum s. l., und andererseits aus der A. caIliurum - Gruppe Aphyosemion australe (RACHOW, 1921). Der Kap Lopez-Prachtkärpfling vertritt im Küstengebiet des nördlichen Gabun die in Nigeria und Kamerun verbreiteten Arten A. calliurum (BLGR., 1911) beziehungsweise A. ahli (MYERS, 1933). Er lebt sympatrisch, aber offensichtlich nicht syntop mit in Gabun autochthonen Aphyosemion - Formen aus der A. striatum - Gruppe. Wir fanden ihn als einzigen Fisch bei Sammelort Nr.2, in einem Sumpfloch mit Raphia-Dickicht bei Kap Estérias, einige hundert Meter von einem Bach entfernt, in welchem eine unten zu beschreibende neue Aphyosemion - Art gemeinsam mit Sechsbandhechtlingen lebt.

Aphyosemion striatum (BLGR., 1911), dessen Terra typica der Abanga-Fluss ist, wurde, wie bereits erwähnt, bei Sammelort Nr. 3, in Wasserlöchern eines Baches an der Strasse von Libreville nach Kap Estérias gemeinsam mit Ansorge's Hechtlingen gesammelt. Weiters konnte der Streifen-Prachtkärpfling auch noch in einem Bach an der nördlichen Peripherie von Lambaréné (Sammelort Nr.33) sowie bei Sammelort Nr.35, in Wasserlöchern eines austrocknenden Baches bei Gricole an der Strasse von Bifoun nach Kango nachgewiesen werden (siehe Abb. 5: Aphyosemion striatum Männchen (oben), Wildfang von Sammelort Nr.3; Weibchen (Mitte) und Männchen (unten), Wildfänge von Sammelort Nr.33. Man beachte die Unterschiede im Zeichnungsmuster der Analen und Caudalen der beiden Männchen. Fotos: E. PÜRZL). In diesen Habitaten fand sich auch häufig Neolebias ansorgei und eine Gobiiden-Art.

HERZOG fand 1973 in den Kristallbergen zwischen Atogafina u. Mala A. striatum sympatrisch mit einer weiteren Aphyosemion - Art, welche in ihren meristischen Daten sowie im Zeichnungs- und Färbungsmuster Aphyosemion microphtalmum LAMBERT et GÉRY (1967) überaus ähnlich ist. Wir fanden diese Art auch bei unserer Sammelreise, und zwar bei Sammelort Nr.1, in einem Bach bei Kap Estérias gemeinsam mit Sechsbandhechtlingen, Hemichromis fasciatus und Süßwasser-Garnelen. Da A. microphtalmum in den Einzugsgebieten des Kouilou und Tchiloango in der Volksrepublik Kongo bzw. in Zaïre verbreitet ist - es liegen etwa 600 bis 800 km Entfernung zwischen seinem Areal und dem unseres Aphyosemion aus Nordwestgabun - und in den dazwischenliegenden Gebieten völlig andere Aphyosemion - Arten verbreitet sind, auf die in den weiteren Folgen noch eingegangen werden wird, muss dieses als neue Art, Aphyosemion simulans sp. nov. beschrieben werden. BOCHTLER und GASPERS fanden im Januar 1976 dieselbe Art auch in einem Bach an der Strasse von Biguénia nach Mora. A. striatum und A. simulans sp. nov. sind zwei in Nordwestgabun sympatrisch verbreitete, autochthone Vertreter der Gabun-Fauna aus der mit der A. cameronense - gardneri - Gruppe verwandten A. striatum - Gruppe. A. escherichi (AHL, 1924) aus Attogondema vom Grenzgebiet zwischen Aequatorial-Guinea und Gabun scheint ein Synonym von A. striatum zu sein.

 

Neubeschreibung von Aphyosemion simulans sp. nov.

Aphyosemion cf. microphtalmum RADDA (1975)

Abb.6: Aphyosemion simulans sp. nov. Männchen (oben) und Weibchen (unten); Wildfänge von der Terra typica (Sammelort Nr.1 bei Kap Estérias). Fotos: E. PÜRZL

Material:

Holotypus: adultes Weibchen (Körperlange 39,5 mm, Gesamtlänge 48,0 mm), gesammelt und fixiert am 1.8.1976 um 11.40 in einem Bach im Regenwald an der Strasse von Libreville nach Kap Estérias, nahe Kap Estérias, von den Autoren.

Allotypus: Männchen (Körperlange 28,0 mm, Gesamtlänge 35,5 mm) gesammelt und fixiert zum selben Zeitpunkt am selben Ort von den Autoren.

Paratypus Nr. 1: adultes Weibchen (Körperlange 36,0 mm, Gesamtlänge 45,5 mm), gesammelt und fixiert zum selben Zeitpunkt am selben Ort wie Holo- und Allotypus von den Autoren. Holo-, Allo- und Paratypus Nr.1 in Fischsammlung des Naturhistorischen Museums in Wien.

Paratypus Nr. 2 und 3: zwei Weibchen (Körperlange 35,0 mm bzw. 35,0 mm, Gesamtlängen 44,0 mm, 44,5 mm) gesammelt und fixiert zum selben Zeitpunkt und am selben Ort wie die anderen Typen von den Autoren.

Paratypus Nr.4: Männchen (Körperlange 32,0 mm, Gesamtlänge 38,5 mm) gesammelt von W. HERZOG am 23.1.1973 zwischen Atogafina und Mala an der Strasse von Kougouleu nach Médouneu, Kristallberge, NW-Gabun. Paratypen Nr.2 bis 4 im Museum für Zentralafrika, Tervuren, Belgien.

Morphometrisch-meristische Daten und eidonomische Charakterisierung:

Daten des Holotypus sowie der anderen Typen (in Klammern; angegeben sind die jeweiligen Minimal- und Maximalwerte) in Prozenten der Körperlänge: Gesamtlänge 122 (120-127); Körperhöhe 20 (19-21); Kopflänge 28 (27-28); Schwanzstiellänge 41 (43-44); geringste Schwanzstielhöhe 13 (13); Augendurchmesser 6 (6-7); Zwischenaugenbreite 13 (13-14); Abstand zwischen Schnauze und vorderem Dorsalansatz 70 (69-70); Abstand zwischen Schnauze und vorderem Ansatz der Anale 61 (61-63); Abstand zwischen Schnauze und Ansatz der Ventralen 50 (50-52).

Es stehen 11 (11) Strahlen in der Dorsale. Der vorderste Dorsalstrahl steht über dem 6. (6. bis 6.-7.) Analstrahl. Die Anale wird von 14 (14-15, 15: nur Paratypus Nr.2) Strahlen gestützt. Alle Flossen sind in beiden Geschlechtern gerundet. Es stehen 31 +3 (31 +2 bis 32+3) Schuppen in einer mittleren Längsreihe an den Körperseiten, wobei diese keine Ctenoidie zeigen. Das Muster der Seitenlinienorgane der Kopf-Oberseite ist offen, die Beschuppung letzterer vom G-Typ.

Zeichnungs- (siehe Abb. 6) und Färbungsmuster des Männchens:

Körper oberseitig dunkelbraun bis grau, unterseits stark aufgehellt, an den Seiten vier Linien von zusammenfließenden dunkelroten Punkten, dazwischen hell grünblaue, reflexfarbene Linien. Dunkelrote wurmförmige Makeln nicht immer ganz deutlich ausgeprägt auf den Kiemendeckeln und am Kopf. Die unpaaren Flossen tragen eine Makelung aus roten Tüpfeln und hell grünbläulich irisierenden Reflexfarben. Ganz außen feine hyalin schimmernde Saume, Dorsale und oberer Caudalenrand noch zusätzlich fein dunkel gesäumt. Die Ventralen zeigen auf grünblauem Grund einige rote Punkte, die Pectoralen sind farblos.

Zeichnungs- (siehe Abb.6) und Färbungsmuster des Weibchens:

Körperseiten braun, oberseits dunkler, unterseits sehr stark auf- gehellt. Es stehen wie beim Männchen rote Punkte an den Kreuzungspunkten der Schuppenkanten in vier Reihen, diese fließen hier aber nicht zu einem Streifenmuster zusammen. Die unpaaren Flossen, insbesondere Dorsale und Caudale mit kräftigen dunkelrotbraunen Punkten versehen, Ventralen und Pectoralen farblos.

Systematische Stellung von A. simulans sp. nov.:

Wie bereits oben erwähnt wurde, stimmt das Färbungs- und Zeichnungsmuster der Männchen der neuen Art bis in Details mit demjenigen von A. microphtalmum überein. Da auch die meristischen und morphometrischen Daten beider Fische völlig übereinstimmen, waren wir ursprünglich der Meinung, dass eben A. microphtalmum ein sehr großes Verbreitungsgebiet einnehme. lm Verlaufe unserer Sammelreise fanden wir aber dann im Küstenflachland von Gabun eine Reihe weiterer Arten aus der A. striatum - Gruppe, welche ganz andere Färbungs- und Zeichnungsmuster zeigen und auch sonst meristisch-morphologische Unterschiede erkennen lassen. Weiters zeigte sich ein deutlicher Unterschied im Zeichnungs- und Färbungsmuster der Weibchen von A. simulans und A. microphtalmum. Die sehr kräftige, sonst nur bei Männchen von Aphyosemion vorhandene Tüpfelung der ersteren Art fehlt den Weibchen der letzteren so gut wie völlig. Da- gegen zeigen die A. microphtalmum - Weibchen eine sehr starke, durch eine dunkle Randung der Schuppen der Körperseiten bedingte Netzung, welche bei den A. simulans - Weibchen in nur geringem Masse ausgeprägt erscheint. Aus den oben dargestellten Gründen entschlossen wir uns zur Neubeschreibung von A. simulans. Wir werden auf die verwandtschaftlichen Beziehungen dieses Fisches nochmals in der letzten Folge dieser Serie zu sprechen kommen.

Ökologische Daten:

A. simulans sp. nov. fanden wir an der Terra typica gemeinsam mit A. (E.) sexfasciatus, Hemichromis fasciatus und Garnelen. Das Bachbett hat eine Breite von einem bis etwa 2,50 m, die Wassertiefe betrug am 1. 8. 1976 et- wa 5 bis 40 cm, an einem etwa 60 m bachabwärts gelegenen Abschnitt war das Wasser künstlich gestaut worden und die Bachbreite betrug etwa 4 bis 6 m und die Tiefe maximal 70 cm. Um 11.40 verzeichneten wir eine Lufttemperatur von 24 °C und eine relative Feuchte von 75 %. Die Wassertemperatur betrug 22,6 °C, die Gesamt-Härte 1,1 °DH bzw. 19 ppm CaCO3, die elektrische (el.) Leitfähigkeit 62 µS20.

Eine Wasseranalyse einer Probe eines Habitats A. simulans in den Kristallbergen findet sich bei RADDA (1975).

 

Literatur

LAMBERT, J. G. et J. GÉRY: Poissons du Bassin de l'Ivindo. III Le Genre Aphyosemion Rev. Biol. Gabonica 3, (4), 291-318 (1967)

RADDA, A. C.: Contribution of the Knowledge to the Cyprinodonts of Gabon. With the Description of four new species and one new subspecies of the Genus Aphyosemion MYERS. B. K. A. Publ. 1-20 (1975).


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